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Abseilen am Känzele (16. 7. 2008)

Im hintersten Winkel von Vorarlberg gibt es eine schroff ins Tal abfallende Felswand, an der meine Person dieses Jahr schon mehrmals entlang geschritten ist. Mit Grauen blickte ich immer wieder die Wand hinunter, und fragte mich stets aufs neue, wann ich es wohl über mich bringen würde mich an dieser Wand einmal abzuseilen.

Die Rede ist vom Känzele oder Gebhardsberg bei Bregenz. Vor wenigen Tagen erst schritt ich die Wand von oben und unten ab und notierte mir Stellen inkl. GPS-Koordinaten*1, die sich für Abseilaktionen eignen würden. Dabei notierte ich auch die jeweils zu überwindenden Höhen, von "langweilig" bis hin zu "grausig" war alles dabei.

Gestern dann machte ich mich mit dem mächtigen Hannotron, meinem persönlichen Helden, auf zum Känzele, um uns ein paar weitere einfache 4er-Routen zu suchen, die wir im Vorstieg zu klettern gedachten. Doch schon während der Hinfahrt laberte ich nur vom Abseilen, und so fanden wir uns bald an der verdrehten Buche wieder, die im Kletterführer Vorarlberg als Abseilstelle vermerkt war. Wir lehnten uns über den Zaun und blickten in die schauerliche Tiefe, die uns mit Grausen erfüllte.

Um meine Würde zu bewahren erklärte ich Hanno dass es schon OK sei wenn er sich nicht traute und wir statt der Seilfahrt am Normalweg zu den Kletterstellen laufen könnten. Doch der Hundling meinte trotzig dass man sich die Sache nun eigentlich durchaus geben könnte. Und so nahm es seinen Lauf...

Der ganze Höhlenkram wurde angelegt, und um die verdrehte Buche wurden gleich zwei Bandschlingen gelegt. Zwei Karabiner verbanden die beiden Bandschlingen mit dem Achter am Ende des statischen 30m-Seils. Der Abschlussknoten wurde ins Seil geknotet und besagter Strick die Wand hinab geworfen. Alles wurde 2.000 Mal kontrolliert, und schließlich wurde das Seil ins Stop eingelegt und abgebunden. Der grausigste Moment kam: Ich schritt über die Kante und hing am Seil. Ich sah nicht nach unten. Und los ging das fröhliche Abseilen über knapp 30m.

Unglücklicherweise war das Seil zu kurz, und so baumelte ich 2 Meter über der Stufe, die es in der Wand gab. Nun hätte ich natürlich wieder am Seil aufsteigen können, doch stattdessen löste ich den Endknoten und seilte mich mit der daraus resultierenden Seilverlängerung einen weiteren Meter ab. Und dann flutschte auch schon das Seilende durch das Abseilgerät und ich plumpste den letzten Meter auf die besagte Stufe. Nervös kippte ich mir gleich die ganze Flasche Holundersaft runter -- die leere Flasche sollte sich daraufhin ungewollt fallenderweise verabschieden. Hanno inzwischen packte meinen Kram zusammen, bereitete sein Doppelseil vor und seilte sich nach kurzem Tratsch mit ein paar geschwätzigen Weiblein mit dem Reverso ab. Von unten sah die Wand dann natürlich harmlos aus, und so rechter Stolz wollte zumindest bei mir nicht aufkommen.

Aber wie dem auch sei. Die zweite Etappe wartete. Seil fixiert, und fort mit mir. Seil zu kurz, baumelte 10m über dem Boden. Am Seil aufsteigen, durch ekelhaftes Gebüsch einige Meter seitwärts krebsen, mit der Selbstsicherung an einem Baum fixieren und Hanno instruieren das Seil runterzuschmeissen. Auf Hanno warten, Seil anknoten, und die dritte Etappe abseilen.

Unten angekommen erwarteten uns zwei holde Maiden, die uns durch widerlichstes Brennnesselgestrüpp zu den Kletterstellen geleiteten. Wir passierten einige Profis, die überhängende Ekelwände erkletterten. Schließlich fanden wir einen 4er, und wie üblich machte Hanno den Vorstieg und ich folgte feige via Top-Rope. Beim Stand angelangt, hängten wir noch eine zweite Etappe an, und als es ans Abseilen ging (dieses Mal weit weniger spektakulär) war es eh schon stockdunkel und mit Stirnlampe wurde der ganze Kram zusammengepackt und der Rückmarsch angetreten. Unterwegs sah ich einen 4cm langen schwarzen Käfer und eine riesige Nacktschnecke mit schwarzen Punkten. Beim letzten Mal -- es schüttete in Strömen -- sah ich einen freundlichen schwarzen Lurch.

Alsdann wurde zufrieden die Rückfahrt angetreten.

Thumbnail Ach ja...
...Fotoapparat hatte keiner dabei, stattdessen gibt's ein Foto vom Risotto das heute Abend zubereitet und verzehrt wurde.
*1 Es gibt eigentlich gar keine GPS-Koordinaten. GPS ist ein System um die Position auf dem Erdball festzustellen. In welcher Art und Weise diese Position in Form von Koordinaten angegeben wird, z. B. in Länge und Breite mit WGS 84, hat nichts mit GPS an sich zu tun.



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